7. Stifterversammlung

Vortrag von Prof. Wolfgang Ratzmann am 10. November 2013 zum Thema:

Der Gottesdienst als Gesamtkunstwerk?

Der Begriff und die Idee des Gesamtkunstwerkes stammen aus dem 19. Jahrhundert. Der Ausdruck wird wohl erstmalig von dem Schriftsteller und Philosophen Eusebius Trahndorff 1827 verwendet. 1849 taucht er in mehreren Schriften von Richard Wagner auf. Dem großen Opern-Komponisten Wagner schwebte die Gestalt eines Kunstwerkes der Zukunft vor, das nicht nur von einer Art der Kunst – der Musik – bestimmt würde, sondern in dem im Rahmen eines großen Musikdramas die verschiedenen Schwesterkünste sich vereinigen: also auch die Poesie, die Dramaturgie, die Kunst der Bühnengestaltung usw. Wagner hat später in seinen großen Bühnenwerken und mit seinem Festspielhaus in Bayreuth den Versuch unternommen, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen – mit mehr oder weniger Erfolg. Interessant ist, dass der Gedanke des Gesamtkunstwerkes oft auch weltanschaulich-religiös aufgeladen wurde, in dem man mit ihm die „nothwendige Gottwerdung des Menschen“ (F. Schelling) zu fördern suchte oder indem man es als gesellschaftsrelevanten Versuch verstand, die egoistische Vereinzelung des Menschen in der Gesellschaft aufzuheben (R. Wagner). Auch in der gegenwärtigen Kunst- und Theaterdiskussion spielt die Sache immer wieder eine Rolle, auch wenn die Theoriebegriffe sich verändert haben. Man spricht eher von Intermedialität, von Happening oder Performance. Und man meint damit ebenfalls den Versuch, die Herrschaft nur einer Kunstsparte aufzuheben und den Menschen auf diese Weise „ganzheitlich“ anzusprechen. Auch heute können sich mit solchen Theorien und mit deren Praxis durchaus auch weltanschauliche oder (pseudo-)religiöse Anliegen verbinden. Wie hilfreich kann es sein, wenn wir den Gottesdienst als „Gesamtkunstwerk“ zu verstehen versuchen?

1. Gottesdienst als Unterricht

Nach der traditionellen evangelischen Sicht wird der Gottesdienst eher als eine Art von Unterricht verstanden. Für uns als Theologiestudenten der 1960er Jahre war das eine selbstverständliche Erwartung an den Gottesdienst, dass er weniger Feier und liturgische Inszenierung, sondern vor allem eine überzeugende Glaubensrede enthält. Deswegen gingen wir oft erst so spät, dass wir kurz vor Beginn der Predigt die Kirche betraten. Immerhin: Wir gingen überhaupt noch zum Gottesdienst. Aber eine überzeugende Predigt zu hören, das war für uns die Mitte, das Eigentliche des Gottesdienstes. Dieter Trautwein, der frühere Propst aus Frankfurt und Schöpfer des Liedes „Komm, Herr, segne uns“ erwarb sich seinen Doktortitel 1972 mit einer Arbeit über den Gottesdienst als „Lernprozess“, in der er die Liturgie mit Hilfe von modernen Lerntheorien zu verstehen suchte – auch mit der Absicht, neue Gottesdienstformen auf eine solidere liturgiewissenschaftlich-kommunikations-wissenschaftliche Grundlage zu stellen.

Das Verständnis des Gottesdienstes als Unterricht hat seine historischen Wurzeln in der Reformationszeit. Was Luther und die Reformatoren vom Gottesdienst erwarteten, war ja durch die Entwicklung der spätmittelalterlichen Messe provoziert worden. Sie war zu einer geheimnisvollen Kulthandlung von Priestern geworden, bei der die Gemeinde nur noch stummer und staunender Zuschauer der heiligen Handlung war. Sie nahm in der Regel auch an der Kommunion – am Essen des Brotes – nicht teil. Es gab in der Regel keine Predigt. Das Evangelium wurde nicht verstehbar vermittelt. Die Liturgie wurde in Latein gesungen oder gesprochen. Es gab keine Gemeindelieder.

Es ist verständlich, dass Luther seine Vorstellung vom Gottesdienst von dieser Folie her entwickelte: Nichts anderes solle im Gottesdienst geschehen, so sagt er bei der Einweihung der Schlosskapelle in Torgau „als dass unser lieber Herr mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang“. Das Wort steht im Mittelpunkt, und damit die biblischen Lesungen, die Predigt, die deutsche Sprache. Und es soll dem Menschen so nahegebracht werden, dass er es fassen und verstehen kann. So wird die Priester tendenziell zum Prediger, der Prediger zum Lehrer. Weitere Lernperspektiven treten hinzu. Man solle ruhig einige lateinische Stücke in der Messe lassen, sagt Luther in seiner Vorrede zur Deutschen Messe von 1526, denn es sei ihm „alles um die Jugend zu tun“. Die solle hier die in der Schule gelernte Sprache Latein anwenden können. Luther räumt also bereitwillig ein, dass der Gottesdienst verschiedene Lehr-Lern-Dimensionen kennt. Das Paradigma „Schule“ ist nichts, vor dem er sich abgrenzt. Die Botschaft von der Gnade Gottes wird hier ausgeteilt und die muss Kopf und Herz erreichen. Wovor er sich abgrenzt, dass ist das Paradigma einer Kulthandlung, in der Gott durch Opfer der Kirche gnädig gestimmt werden soll.

Die Perspektive des Gottesdienstes als Unterricht bestimmte jahrhundertelang die evangelische Kirche. Das galt einmal liturgisch: Die Predigten dominierten schon quantitativ massiv. Eine städtische Predigt im Hauptgottesdienst zur Zeit Bachs dauerte etwa eine Stunde. Von einem frommen Christen wurde erwartet, dass er sonntags nicht nur einmal, sondern nach dem Hauptgottesdienst auch noch zum Vesper- oder Nachmittagsgottesdienst ging, die jeweils auch zentral von Predigten geprägt waren. Zum Abendmahl ging man höchst selten, meist nur zweimal im Jahr. Die Pfarrer selbst verstanden sich als Lehrer im höheren Sinne. Kirche und Schule waren sowieso eng verflochten. Die Lehrer waren zugleich die Kantoren. Die Pfarrer hatten die Schulaufsicht. Schülerchöre sangen bei Bestattungen und in anderen Gottesdiensten…

Ein primär pädagogisch-homiletisches Verständnis des Gottesdienstes spielt auch heute noch bewusst oder unbewusst eine große Rolle:

  • Die Zeit, die evangelische Pfarrer für die Vorbereitung der Predigt nutzen, steht meist in keinem Verhältnis zu der Zeit, die sie für die Vorbereitung der gesamten Liturgie einsetzen. Ev. Pfarrer fragen ihre Kollegen: Hast du am Sonntag zu predigen? Nicht: Hast du einen Gottesdienst zu leiten?
  • Oft wird die gesamte Liturgie, gerade eine modern veränderte, homiletisch (von der Predigt her) bzw. pädagogisch (von einem Thema her) dominiert. Ein Beispiel: Am Reformationstag sendete das Erste Programm (ARD) einen Reformationsgottesdienst aus einer großen Kirche in Berlin-Kreuzberg, in dem viele Schüler aus einer evangelischen Schule in Berlin-Neukölln zusammengekommen waren. Was die Schüler an Anspielen oder als Sprecher und Sänger des Schulchores leisteten, war eindrucksvoll. Und dennoch fiel mir auf, wie auch dieser Gottesdienst im Grunde genommen von einer Homiletisierung der Liturgie geprägt war: Die klassischen Messteile (Kyrie, Gloria usw.) waren weggelassen worden. Stattdessen prägten ein Lutherlied („Ein feste Burg“…) und ein biblischer Text die gesamte Feier. Schon der Psalm zu Beginn wurde durch einen Sprecher immer wieder von gegenwartsbezogenen Fragen und Kommentaren unterbrochen, so dass er nicht mehr als Gebet verstanden werden konnte. Und die Predigt wurde in mehrere Teile aufgegliedert und musikalisch aufgelockert. Das war alles niveauvoll gemacht, aber es fehlte dabei eine Art dramaturgischer Höhepunkt. Das Thema zog sich mit seinen verschiedenen Aspekten durch den ganzen Gottesdienst. Man sollte durchgängig etwas vom Thema lernen und verstehen.
  • Auffällig ist, dass oft traditionelle Gottesdienste, in deren Mittelpunkt die Predigt steht, schlecht besucht werden, während viele Kirchenkonzerte ein großes Publikum anziehen. Ebenso strömen viele Hunderte von Touristen in die Dome und Citykirchen. Viele suchen offenbar eher den religiösen Raum, die religiöse Musik, das besondere religiöse Erlebnis, aber kaum die religiöse Belehrung.

Es ist kein Zufall, dass seit einigen Jahren auch in der evangelischen Liturgiewissenschaft die Bezeichnungen vom Gottesdienst als Gesamtkunstwerk, vom „offenen Kunstwerk“ oder von der „Inszenierung des Gottesdienstes“ aufgekommen sind und seitdem viel Zustimmung finden.

2. Der Gottesdienst als Kunstwerk

Der berühmte Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher hat zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmalig entschieden dafür plädiert, den Gottesdienst nicht als eine Art Schule, sondern statt dessen als eine Art von Kunst zu verstehen. Er unterscheidet grundsätzlich zwei verschiedene Formen der Tätigkeit des Menschen: das wirksame und das darstellende Handeln. Der Gottesdienst gehört mit den Festen und der Kunst ganz auf die Seite des darstellenden Handelns, das nichts bezwecken will. Schon deswegen steht ein stark unterrichtlich konzipierter Gottesdienst in der Gefahr seinen Sinn zu verfehlen. Feste und Gottesdienste unterbrechen den Alltag, der ganz vom Geschäft des wirksamen Handelns geprägt ist. Hier geht es allein um Darstellung des religiösen Bewusstseins, des Glaubens, ohne etwas darüber hinaus zu bezwecken. Und im Übrigen benutzt der Gottesdienst „Kunstelemente“ für seinen Vollzug: eine kunstvolle Rede, Gesang, kunstvoll gestaltete Räume usw. Er ist also selbst eine Art Kunst.

Es hat nicht nur Theologiestudenten wie mich gegeben. Karl-Heinrich Bieritz, der vor einem Jahr verstorbene evangelische Praktische Theologe und Liturgiespezialist, erzählt von sich als Student in Jena folgendes: „Oben am Philosophenweg, auf dem Alten Friedhof, thronte die Friedenskirche. Um halb zehn begann hier der Gottesdienst. Säuerlicher Barock umgab den Besucher, orgelte und sang sich ihm in die Ohren, fiel ihm in die Augen, wenn der Vorhand sich teilte und auf der Kanzeln über dem Altar die schwarze Büste des Predigers sich zeigt, flankiert von den Gestalten der Apostelfürsten, gekrönt vom Auge Gottes und vom Tetragramm, das der Student der Theologie gerade zu entziffern gelernt hatte. Doch der Weg vom 17., 18. In das 21. Jahrhundert war nicht weit. Man musste nur die Straße überqueren und ein paar Schritte hinabsteigen. Drüben duckte sich die Katholische Pfarrkirche St. Johannes ins Tal, und um elf hielt man hier eine Heilige Messe für Langschläfer und Nachzügler, die es nicht mehr zum Hochamt um neun geschafft hatten. Mit Zittern und Zagen, noch gänzlich ungeübt im Umgang mit Weihwasser und Kniebeugen, im Bewusstsein, ein Sakrileg zu begehen, schlich sich der Student in den fremden Tempel – und in ein unvertrautes, noch nicht erschienenes Jahrhundert. Ein Spiel von Farben, Formen, Bewegungen, Klängen, Gerüchen empfing den ungebetenen Gast, nahm ihn auf wie ein Schiff von einem fernen Stern, fesselt und verwirrte ihn, erschuf vor seinen Sinnen eine neue, rätselhafte, unentdeckte Welt. Alles schien hier aus einer fremden Zukunft zu kommen: Form und Farbe der Gewänder, die geheimnisvollen gleitenden Bewegungen der Akteure, die metallischen Klänge des gregorianischen Chorals, die kantillierten liturgischen Signale, die Weihrauch-Nebenbänke, das vorkonziliare Latein, die funktionale, geschmeidige Einrichtung des Raums. Und wenn das Scheppern der Schellen die Gemeinde zur Wandlung auf die Knie zwang, umfing den Besucher nicht der Schrecken des Vergangenen, sondern des Zukünftigen“ (zit. nach: M. Meyer-Blanck: Inszenierung des Evangeliums, Göttingen 1997, S. 15f).

Schön gefeierte Gottesdienste, denen es gelingt, etwas vom Geheimnis des lebendigen Gottes zur Darstellung zu bringen, vermögen zu faszinieren. Deshalb gibt es auch heute wieder Anhänger der vorkonziliaren Messe, die gerade auf die fremdartigen Elemente und die lateinische Sprache Wert legen. Deshalb sind die römisch-katholischen und die orthodoxen Gottesdienste nicht in eine solch tiefe Krise geraten wie die evangelischen. Es sind ja im Schnitt nur noch 3,8 der Mitglieder der ev. Kirche, die zum Gottesdienst gehen. Und es ist verständlich, dass auch die evangelische Liturgik längst das alte unterschwellige Leitbild der Schule verabschiedet hat und das neue Leitbild des Kunstwerkes bevorzugt. Das zeigt sich an vielen Monografien zu dieser Thematik und an der Art, wie heute gottesdienst-bezogene theologische Aussagen begründet werden.

Aber wie kann ein Gottesdienst, der im Kern als Gespräch zwischen Gott und den Menschen zu verstehen ist – siehe Luthers Torgauer Formel –, als Gesamtkunstwerk konzipiert werden? Stimmt denn das mit unserer konfessionellen Prägung überein? Sind hier nicht echte Grenzen zwischen dem orthodoxen Gottesdienst, der schon immer als heilige Schau inszeniert wurde, als Blick in den himmlischen Gottesdienst, dem römisch-katholischen, der als Drama der Erlösung zu verstehen ist, auf dessen Gipfel das Opfer der Erlösung durch Christus erinnert wird – und dem evangelischen: „Dass nichts anderes geschehe, als dass Gott mit uns rede durch sein heiliges Wort…“?

Nein, auch ein auf das Gotteswort zentrierter Gottesdienst ist keine rein verbale Veranstaltung. Gottes Wort ist vielgestaltig. So wie wir Menschen nicht nur mit Worten reden, sondern auch mit unserem Körper, mimisch, gestisch, die Worte unterstreichend, so auch Gott. Er redet mit Worten und Zeichen, in Wort und Sakrament, in Wort und Ritus, im vertonten oder im bildhaft gestalteten Wort. Sein Wort erreicht so nicht nur unseren Verstand, sondern auch unser Gemüt, unsere Seele.

Der Gottesdienst als Kunstwerk – das kann einige Perspektiven frei setzen:

  • a) Musik: In besonderer Weise hat das die lutherische Kirche im Blick auf die Musik im Gottesdienst realisiert. Weil die Kirchenmusik in ihrer Weise am Verkündigungsgeschehen teilhaben kann, deshalb hat sie in den lutherischen Kirchen eine so deutliche Aufwertung erfahren. Gottes Wort muss nicht nur gesprochen, es kann auch gesungen werden. Die Musik galt als eine besonders geeignete Kunst, um das Evangelium zu verkündigen und um Gott nahe zu kommen „in Gebet und Lobgesang“, wie es Luther formulierte. Deshalb ist die Reformation mit einer unglaublichen Qualitätsoffensive in Sachen Kirchenmusik verbunden: Zahlreich waren die Lehrer-Kantoren, die man ausbildete und denen man eine Stelle verschaffte – auch in Dörfern und Kleinstädten. Dass die großen Komponisten Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach und viele andere mehr in Mitteldeutschland aufwuchsen und hier ihren Lebensmittelpunkt fanden, hat mit dieser Qualitätsoffensive zu tun. Zunächst ist es Musik, die für den Gottesdienst geschrieben wurde, auch wenn sie teilweise mit ihrer Größe (Bachs Passionen…) langsam aus dem Gottesdienst herausdrängt und zu eigenen (Kirchen-)Konzert werden will. Wir stehen heute vor der Frage, ob wir dieses Erbe in Kirche und Gesellschaft fortsetzen und pflegen wollen, auch wenn die Gemeinden kleiner geworden sind, oder ob wir aus Kostengründen den evangelischen Gottesdienst um ein wesentliches Moment seiner Schönheit und seines Wesens bringen wollen – z.B. durch zu kleine und finanziell oft erschreckend gering ausgestattete Stellen.
  • b) Das Miteinander der Akteure: Wird der Gottesdienst als Kunstwerk verstanden, als Raum, in dem die verschiedenen Künste ernstgenommen und im Rahmen der Gott-Mensch-Kommunikation eingesetzt werden, dann helfen wir dazu, ihn aus der Engführung einer primär verbalen Kommunikation herauszuführen. Dort wird er aus einem Pastorengottesdienst zu einem Gottesdienst, an dem viele Akteure mit ihren Gaben partnerschaftlich mitwirken.
  • c) Der Gedanke des Gesamtkunstwerkes kann helfen zu verstehen, dass auch bei einem evangelischen Gottesdienst in der Tat viele Künste zusammenwirken können:
    • Die Rede- und Vortragskunst: Es wäre schön, wenn man die Predigt nicht als langweilige Vorlesung, sondern als spannenden Vortrag und als sprachlich anregende Rede erleben könnte. Es wäre gut, wenn die Lesungen oder die gesprochenen Gebete auch einem bestimmten ästhetischen Anspruch genügen würden.
    • Die Kunst angemessener dramaturgischer Gestaltung: Dabei geht es um die Fähigkeit, Gottesdienste zeitlich nicht ausufern zu lassen und deren Höhepunkte „inszenatorisch“ gut zu platzieren – also z.B. nicht nach einer Stunde erst mit der Feier das Abendmahles zu beginnen. Und es geht zugleich im die persönliche Kunst, als Liturg in der eigenen Rolle präsent zu sein – wahrnehmbar, glaubwürdig, überzeugend.Die Kunst der Musik: Dazu will ich nicht noch mehr sagen. Wichtig ist es, dass dabei das gemeinsame Singen nicht zu kurz kommt, dass junge Menschen zum Singen und Musizieren befähigt werden und dass die Musik hilft, das Evangelium in das Herz und Gemüt der Menschen zu transportieren.Der Raum und die Kunst im Raum: Es ist nicht egal, in welchen Räumen wir Gottesdienst feiern, wie Luther meinte. Der Raum öffnet unsere Seelen oder er verschließt sie. Er predigt in seiner Weise mit seinen Farben und Formen. Auch die Blumen auf dem Altar und das gepflegte Abendmahlsgerät geben Zeugnis von Gottes Schönheit oder von der Nachlässigkeit der Gemeinde dem Heiligen gegenüber.Man könnte schließlich auch von stimulierenden Gerüchen oder von liturgischen Gewändern und Formen reden, die zur Schönheit eines Gottesdienstes und seiner anziehenden Atmosphäre beitragen können.
  • d) Das Fremde als Reiz: Wird der Gottesdienst als Kunstwerk verstanden, dann lassen wir auch dem Fremden und Sperrigen Raum. In der Kunst muss man nicht alles verstehen. Ähnlich müssen nicht alle schwierigen biblischen Texte geglättet oder alles Unverständliche sofort erklärt werden. Da kann man auch Lieder singen, die nicht sofort ins Ohr gehen oder deren Text einem fragwürdig vorkommen mag – wenn sie dennoch gut sind. Oder wenn sie mit der Identität der lutherischen Kirche zu tun haben, wie z.B. „Ein feste Burg ist unser Gott“. Da kann man auch einmal eine biblische Lesung verkraften, die sich nicht sofort von selbst erschließt. Und da kann man im Rahmen einer Taufe oder Bestattung feste, verbindliche Worte sprechen (Ehegelöbnis, Fragen an Eltern und Paten, Segensworte o. ä.), ohne sie gleich homiletisch zu ergänzen und meist damit zu verwässern. Das Fremde muss nicht nur abstoßen, es kann auch neugierig machen und als Reiz wirken.
  • e) Die Offenheit des Kunstwerkes: Durch Umberto Eco und andere ist der Begriff des Offenen Kunstwerkes in die Diskussion geworfen worden. Es ist wahr: Kunst lebt davon, dass sie in der Regel nicht plakativ und eindeutig daher kommt, sondern dass sich der Sinn eines Kunstwerkes nicht so schnell erschließt oder dass man immer wieder Neues in ihm und an ihm entdeckt. Vergleicht man den Gottesdienst mit einem Kunstwerk, dann wird auch dadurch Mut gemacht, nicht jedes Wort, jede Geste zu plausibilisieren und ganz eindeutig zu machen, sondern sie in einer gewissen Freiheit wirken zu lassen. Auch Predigten sind manchmal besser, wenn sie nicht nur das sagen, was alle erwarten, wenn nicht nur die einschlägigen frommen Begriffe gebraucht werden, sondern wenn sie etwas Unerwartetes aussprechen, wenn sie einen Gedanken vielleicht nur anreißen und sich darauf verlassen, dass er von den Hörern weitergedacht wird. Auch die Predigthörer wollen und sollen ihren eigenen Beitrag zum Verkündigungsgeschehen leisten, indem sie sich selbst die Predigt weitererzählen…

Der Vergleich des Gottesdienstes mit der Kunst ist also – wie wir gesehen haben – sehr fruchtbar. Er kann auch die Praxis unserer evangelischen Gottesdienste befruchten. Und dennoch möchte ich mit einem knappen Teil schließen, der zugleich die Grenzen des Kunstvergleichs deutlich machen soll:

3. Die Grenzen des Kunstvergleichs

Es ist m.E. sinnvoll und inspirierend, den Gottesdienst als eine Art künstlerisches Ereignis zu verstehen. Aber er geht nicht darin auf, Kunst zu sein. Seine Mitte besteht darin, dass Gott mit uns redet durch sein heiliges Wort und dass wir mit ihm reden. Dass das geschieht, das können wir letztlich nicht machen. Gott selbst muss dazu zu uns kommen – in unser Wort, in unsere Gesten und Zeichen, in unsere Musik und in unsere Räume. Wir können ihn nicht dazu zwingen. Wir sind – auch als Pfarrer – keine heiligen Manipulateure. Dass er zu uns kommt, dass wir ihm begegnen – das bleibt letztlich ihm selbst überlassen. Wir können ihn nur bitten: Komm, Herr Jesus, veni creator spiritus.

Manchmal steht die Kunst in der Gefahr, die Künstler eitel zu machen und sie ganz in den Mittelpunkt rücken zu wollen. Wo man den Gottesdienst von der Perspektive der Kunst, als Gesamtkunstwerk, betrachtet, sind solche Eitelkeiten oft nicht fern. Ich beobachte sie beispielsweise bei manchen Kollegen, die eine Ausbildung in „Liturgischer Präsenz“ gemacht haben und die nun ganz genau wissen, wie man ein Kreuz schlägt und mit welchem Gesicht man beim Segen auf die Gemeinde blickt. Mitunter schimmert da eine Eitelkeit durch, die mich abstößt.

Wenn wir den Gottesdienst als Gesamtkunstwerk verstehen wollen, dann meint das eine Kunst, die sich der Sache unterordnet, die dem Evangelium dienen will und die das, was der einzelne zum Gelingen beiträgt, ins Ganze einbringt. „Soli Deo Gloria“ – mit dieser Unterschrift hat Johann Sebastian Bach seine Werke unterschrieben. Wenn die für den Gottesdienst Verantwortlichen ihre Arbeit am Gottesdienst so verstehen wie einst der große Thomaskantor, dann haben sie verstanden, dass nicht sie selbst, sondern dass Gott in der Mitte dieses Geschehens steht, das wir Gottesdienst nennen. Und dann dient all ihr liturgisch-künstlerisches Bemühen nicht vor allem der Befriedigung ihrer Eitelkeiten, sondern dann verstehen sie sich auch in der Ausübung ihrer Kunst als Diener am Evangelium. Dann dürfen sie weiter den Kunstvergleich benutzen, um den Gottesdienst so schön zu gestalten, wie sie können, und wie es dem Gott gegenüber angebracht ist, von dem der Psalmist singt: „Lobe den Herrn, meine Seele. Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich… Ich will dem Herrn singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin“ (Ps 104,1.2.33).

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